Netzwerk Trans*Gesundheit in Göttingen und Umgebung

Um die gesundheitliche Situation von trans* Personen in Göttingen und Umgebung zu verbessern und Behandlerinnen besser zu vernetzen entstand im Jahr 2018 die Idee, ein Netzwerk zu schaffen, in dem sich Beratungsstellen, Ärztinnen und Psycholog*innen aus Göttingen und Umgebung zusammenschließen.

Ziele des Netzwerks sind neben Vernetzung und Austausch der beteiligten Berufsgruppen und Strukturen auch die (kollegiale) Weiterbildung, eine Sensibilisierung bezüglich der spezifischen Belange von trans* Personen in Gesundheits- und Beratungsstrukturen und somit letztlich eine Verbesserung der Gesundheitsversorgung. Dabei stehen sowohl Versorgungsstrukturen im Fokus, die direkt mit Transitionswegen assoziiert sind (z.B. Beratungsstellen, endokrinologische, psychologische, psychiatrische, urologische, gynäkologische oder chirurgische Versorgung), als auch Berufsgruppen, die im Rahmen anderer Aspekte von Gesundheit trans* Personen betreuen (z.B. hausärztliche Versorgung).

Trans* schließt alle Menschen ein, die sich selbst darunter verorten, und sich z.B. als trans*, nicht-binär, transsexuell, transident oder transgender identifizieren.


Fachtag „Trans* Gesundheitsversorgung (in Göttingen) – (k)ein Problem?!

05. März 2022, online

Um die gesundheitliche Situation von trans* Personen in Göttingen und Umgebung zu verbessern und Behandler*innen zu vernetzen entstand im Jahr 2018 das „Netzwerk trans* Gesundheit Göttingen und Umgebung“. In diesem haben sich Beratungsstellen, Ärzt*innen, Therapeut*innen sowie andere im Bereich trans* Gesundheit tätige Personen aus der Region zusammengeschlossen. Als Ziele hat sich das Netzwerk neben Vernetzung und Austausch der beteiligten Berufsgruppen und Strukturen auch die (kollegiale) Weiterbildung, eine Sensibilisierung bezüglich der spezifischen Belange von trans* Personen in Gesundheits- und Beratungsstrukturen und somit letztlich eine Verbesserung der Gesundheitsversorgung gesetzt.

Mehr als 3 Jahre nach der Gründung des Netzwerks wollen wir am 05.03.2022 im Rahmen eines Fachtags kritisch reflektieren, wie es denn mittlerweile um die Gesundheitsversorgung von trans* Personen vom Kindes- bis ins Erwachsenenalter steht – sowohl im Raum Göttingen als auch darüber hinaus. Dabei möchten wir geografisch den Rahmen etwas weiter spannen und freuen uns auch über die Teilnahme von an der Gesundheitsversorgung beteiligter und in Beratungsstrukturen aktiver Menschen aus unseren Nachbarregionen und gerne auch aus dem gesamten Bundesgebiet. Auch inhaltlich wollen wir ein bisschen über unsere tägliche Arbeit hinausblicken und uns vor allem mit Themen auseinandersetzen, die aktuell kontrovers diskutiert werden, wie die Begleitung von trans* Kindern und Jugendlichen, das Thema detrans*, die Entpathologisierung von trans* und die endokrinologische Behandlung nicht-binärer Personen. Auch möchten wir Themen diskutieren, die im medizinischen Kontext oft zu kurz kommen, wie das Konzept der Peer-to-Peer-Beratung, Community-basierte Gesundheitsversorgung und Rassismuserfahrungen im Gesundheitssystem. Am Ende wollen wir in einer Podiumsdiskussion dann wieder den Bogen nach Göttingen spannen und mit lokalen Akteur*innen die Versogungslage vor Ort diskutieren. Wir hoffen, mit der Auswahl der Themen und der Referierenden einige gute, kritische und konstruktive Diskussionen anstoßen zu können.

Der Fachtag wird organisiert von der Trans* Beratung Göttingen und equity* im Rahmen des Netzwerks Trans* Gesundheit Göttingen und Umgebung. Der Fachtag findet in Kooperation mit der Akademie Waldschlösschen (gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren Frauen und Jugend im Rahmens des Bundesprogramms Demokratie Leben!), dem Bundesverband Trans* sowie der Gesundheitsregion Göttingen/Südniedersachen statt.

Programm:

10:00 Uhr             Ankommen

10:30 Uhr             Begrüßung

Grußworte
Dr. med. M.-C. Reinert & Denise Labahn (für das Netzwerk Trans*Gesundheit), Tessa Ganserer (Referentin für das trans* Selbstbestimmungsgesetz), Dette Ratz (Akademie Waldschösschen), Dr. Corinna Morys-Wortmann (Gesundheitsregion Göttingen/Südniedersachsen), Dr. Doris Hayn (Stabstelle Chancengleichheit und Diversität der Uni Göttingen), Robin Osterkamp (Landesfachstelle Trans*),

11:00 Uhr               Keynote I

Mari Günter: Unsicherheiten und Sicherheiten in der psychotherapeutischen und medizinischen Versorgung von trans* und nichtbinären Jugendlichen

Die psychotherapeutische und medizinische Versorgung von trans* und nichtbinären Jugendlichen ist in den letzten Jahren von verschiedenen Veränderungen geprägt. Es entsteht immer mehr Wissen, das diagnostische Verständnis verändert sich und auch die ethischen Überlegungen betrachten zunehmend die Universalität der Kinderrechte.
Der Vortrag soll Orientierung für die Versorgung bieten und auch zur weiteren Auseinandersetzung anregen.

Mari Günther, systemische Therapeutin, Fachreferentin des BVT, Mitautorin der AWMF-Leitlinie „Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit“ und Mitarbeit bei den AWMF-Leitlinien „Diagnostik und Behandlung von Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter“

12:00 Uhr               Panel 1

Dr. med. Klaus-Peter Liesenkötter: Hormonbehandlung bei trans* Kindern und Jugendlichen
In der Begleitung von trans* Kindern und Jugendlichen spielt der Wunsch nach einer pubertätsbremsenden oder geschlechtsangleichenden hormonellen Behandlung oft eine große Rolle. Ablauf und Auswirkungen der möglichen Behandlungen werden erläutert. Die Voraussetzungen der medizinischen Interventionen sollen anhand klinischer Leitlinien skizziert werden. Es wird, gerade auch in Anbetracht der oft kontroversen öffentlichen Debatten, viel Raum für Fragen und Diskussion geben.

Dr. med. Klaus-Peter Liesenkötter ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Kinderendokrinologie und -diabetologie am Endokrinologikum Berlin

K* Stern: Gemeinsam Stärken nutzen: Zur Zukunft trans*affirmativer Psychotherapie und Peerberatung
Wie können professionelle Trans*beratung und psychotherapeutische Transitionsbegleitung vor dem Hintergrund knapper Therapieplätze und langer Wartelisten auf beiden Seiten sinnvoll ineinandergreifen? Wo sind die Grenzen beider Angebote, was können sie voneinander lernen? Wie können wir ihre Kern-Kompetenzen für Transitionsbegleitung Suchende möglichst gut nutzen? Ziel des Workshops sind Umsetzungsimpulse zum Mitnehmen, die das (Arbeits-)Leben aller Beteiligten ein Stück weit erleichtern können.

K* Stern (ohne Pronomen), Einzel- und Beziehungstherapeutische Praxis für queere, trans*, nichtbinäre Menschen in Hamburg (HeilprG), Langjährige Erfahrung in der professionellen Trans*beratung. Fortbildungen im Themenfeld Geschlechtsidentität. Mehr Informationen und aktuelle Veröffentlichungen unter www.praxis-kstern.de

Eli Kappo: Detransition – zwischen medizinischer Selbstbestimmung und politischer Instrumentalisierung
Abweichungen vom klassischen Transitionsweg galten lange sowohl in der medizinischen Fachwelt als auch innerhalb von Trans* Communities als problematisch. In einer Zeit, in der auch Personen mit abinären oder untypischen Geschlechtsidentitäten für Sichtbarkeit und Selbstbestimmung kämpfen, warnen konservative Stimmen vor der falschen Entscheidung zur Transition, die zur späteren Detransition führen muss. Inwiefern die häufig verbreiteten Bilder von diesem „Weg zurück“ dem Empfinden der Detransitioner entsprechen, erzählt Eli Kappo aus einer Betroffenenperspektive.

Eli Kappo, 29, ist eine detrans Frau, die sich für Trans* Rechte einsetzt. Nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer Erfahrungen setzt sie sich für geschlechtliche Selbstbestimmung und gegen die Abschaffung des Gatekeeping bei der medizinischen Transition ein.

13:30 Uhr             Mittagspause

14:30 Uhr             Keynote II

Freddy Mo Wenner: Das Ende der Pathologisierung – nur eine Formsache?
Psychologie, Medizin, Medien und Rechtsstaat haben Jahrzehntelang die Perspektive auf und die Wahrnehmung von trans, inter und nicht-binären Menschen bestimmt. Mit dem DSM 5-Handbuch von 2009 und dem ICD 11-Katalog von 2019 sind formal große Schritte hin zur Depathologisierung getan. Wie verändert dies das Wechselspiel der Akteurin*nen und (wie) werden gender-nonkonforme Menschen dadurch selbst zu den zentralen Akteur_innen ihres Lebens?

Freddy Mo Wenner schreibt, moderiert und berät auf systemischer und gesprächstherapeutischer Grundlage u.a. bei Trans*Recht e.V. in Bremen und Bremerhaven; von 2018 bis 2021 zuständig für die wissenschaftliche Hintergrundarbeit bei der queerpolitischern Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag; 2017-2019 teamleitender Teil der Geschäftsführung im Queeren Netzwerk Niedersachsen e.V. | vielfaltive.de

15:30 Uhr             Panel 2

 M. mel. Maximiliane Hädicke: Ethische Aspekte der medizinischen Begleitung transgeschlechtlicher Kinder und Jugendlicher
Im Alter von 12-14 kann eine med. Begleitung trans Jugendlicher die Gabe von Pubertätsblockern umfassen. Da es sich meist um Personen an der Grenze der Einwilligungsfähigkeit handelt, lastet eine große Verantwortung auf den behandelnden Ärzt_innen und Psychotherapeut_innen. Sollen Sie eine Behandlungsempfehlung geben und wenn ja, welche? Dies wird kontrovers diskutiert. Doch worum geht es in dieser Debatte genau? Welche ethischen Aspekte sind in der Behandlungsgestaltung zu berücksichtigen?

Maximiliane Hädicke (sie/ihr) hat soziologische Wurzeln und ist medizinethische Doktorandin am Institut für Ethik und Geschichte der Medizin Göttingen. Sie ist dort als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „TransKids- einem Projekt zur Förderung eines nicht-diskriminierenden Umgangs mit jungen trans Personen durch patientenorientierte Schulungsmaßenahmen“* beschäftigt. *Das ethische Teilprojekt wird von der Institutsleiterin Prof. Dr. Claudia Wiesemann geleitet. Die Transkids-Studie wird vom Bundeministerium für Gesundheit gefördert. Zur ausführlichen Projektdarstellung siehe: https://transkids-studie.de/

Marlize Andre and Tzoa: Community-based healthcare – The best practice example Casa Kuà and why we need more places like this
Casa Kuà is organised by trans* and non binary BIPoCs (Black, Indigenous & People of Colour) to make health more accessible to other trans*, inter*, non binary and queer people, and especially for those affected by racism. The aim is to bring alternative, traditional, and conventional medical treatments together. Members present the project, their work and point out the importance of such projects and how the medical system have to change for improving treatment for people marginalised in the health system.

This panel will be in englisch.

Casa Kuà wird von trans* und nicht-binären BIPoCs (Black, Indigenous & People of Colour) organisiert, um anderen trans*, inter*, nicht-binären und queeren Menschen Gesundheit besser zugänglich zu machen, vor allem denen, die von Rassismus betroffen sind. Ziel ist, alternative, traditionelle und konventionelle Medizin zusammenzubringen. Das Projekt, die Arbeit und deren Wichtigkeit werden vorgestellt und aufgezeigt, wie sich das medizinische System verändern muss, um die Versorgung von im Gesundheitssystem marginalisierten Menschen zu verbessern. Dieses Panel wird auf englisch stattfinden.

Dr. med. Martin* Viehweger: Trans*medizin und Enby – Bedarfe und Perspektiven

Subkulturen, marginalisierte Gruppen, Personenkreise außerhalb der heteronormativen Welt haben größere Hürden in der medizinischen Versorgung. Wertschätzende Aufnahme in der Praxis, ohne Vorurteile, mit Empathie sind dabei ebenso wenig zuverlässige Konstanten wie Adhärenz, Sprachbarrieren oder auch Beschaffungskriminalität immer wieder Probleme in der Begleitung hervorrufen. In einem Impulsreferat sollen sowohl die medizinischen Bedürfnisse betrachtet werden als auch die Sichtweise aus der Community, mit anschließender Diskussion und der Frage: wie können Bedürfnisse erkannt und in der Alltagspraxis integriert werden. Dafür wird Martin Viehweger, Aktivist für sexuelle Gesundheit, Arzt durch die Veranstaltung führen.

Dr. Martin Viehweger, 1992*(gefühlt) 1958*(gedanklich) 1982*(Passport) ist Aktivist für sexuelle Gesundheit und Arzt für Infektiologie in Berlin und Zürich. Er konzipiert, entwickelt und leitet Gemeinschaftsprojekte für sexuelle Gesundheit, sexuelle Aufklärung, Chemsex, Trans*medizin, führt niedrigschwellige Dienste durch und ist Gastdozent an den Universitäten Charité und MHB.

17:00 Uhr            Pause

17:30 Uhr            Podiumsdiskussion

Trans*Gesundheitsversorgung in der Region Göttingen
Zum Abschluss der Tagung möchten wir mit lokalen Akteur*innen verschiedener Disziplinen diskutieren, wie es um die trans Gesundheitsversorgung im Raum Göttingen steht. Was hat sich in den letzten Jahren positiv entwickelt? Welche Defizite gibt es? Welche der heutigen Diskussionen müssen wir lokal vertiefen? Am Ende hoffen wir, gemeinsam notwenige nächste Schritte zur weiteren Verbesserung der Gesundheitsversorgung von trans* Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in der Region herausarbeiten zu können.

Teilnehmende: Clemens Freiberg (Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Kinderendokrinologie und -diabetologie), Hannah Engelmann (Trans* Beratung Göttingen), Tara Dougherty (Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie), Prof. Dr. med. Heide Siggelkow (Fachärztin für Innere Medizin, Endokrinologie und Diabetologie), Julien Franke (Trans* Beratung Kassel), Anna Mederer (Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie) Moderation: K* Stern

19:00 Uhr            Verabschiedung

Kooperationspartner*innen und Förderung