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Zu den ‚Wurzeln‘ des Lesbisch-Seins (LFT 2021 in Bremen)

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Aus gegebenem Anlass

Das LFT ist seit 1974 das größte und bekannteste, nichtkommerzielle Treffen von Lesben in Deutschland und Europa. Zwar gibt es einen Verein, der ortsübergreifend unterstützend wirkt – die Treffen werden jedoch von wechselnden regionalen Gruppen organisiert, die mit eigenen Schwerpunkten ein Wochenende lang Raum für Empowerment, Vernetzung und lesbisches L(i)eben bieten. Dieses Veranstaltungsformat bedeutet auch für uns lesbische Sichtbarkeit, lesbische Politik und Solidarität. Solidarität heißt für uns zugleich Kritik. Wir sehen es als notwendig an, uns auch als ‚kleines queeres Zentrum‘ zur aktuellen Ausrichtung der Veranstaltung zu positionieren, den Austausch darüber in unserer Community anzuregen und eine Umgestaltung des LFT-Programms einzufordern. Denn auch wir sind Teil der lesbischen Community und gestalten aktiv mit, was es heißt, lesbisch zu sein.

Im Sinne des Mottos des diesjährigen LFT ‚Rising to the Roots‘ möchten wir an die vielfach beschworenen Wurzeln des Lesbisch-Seins erinnern: die gemeinsame Erfahrung der Unterdrückung und den Kampf gegen Patriarchat, Heteronormativität, Pathologisierung und Hysterisierung, Nationalismus und die Verfolgung als „asoziales Leben“. Diese Erfahrungen der Unsichtbarkeit und Ausblendung, Abwertung und Gewalt trennen trans* und cis* Lesben, Frauen liebende Frauen und nicht-binäre Lesben nicht etwa voneinander, sondern sie verbinden uns! Sich darauf zu besinnen, verwässert nicht etwa unsere Kämpfe, sondern bestärkt uns in unseren Gefährt*innenschaften und in der Verbündung gegen neue Formen des Konservatismus.

Zugleich scheint es, als sei das Wissen um die Kämpfe zu Beginn der Lesbenbewegung(en), in Teilen queerer Räume verloren gegangen. Gefühle von Ohnmacht und die Angst vor lesbischer Unsichtbarkeit greifen um sich. Die Frage, die im Raum steht ist, wie die entstandenen Gräben zwischen Alt-Aktivistinnen von damals und den Queers von heute überwunden werden können. Unser ‚queeres Zentrum‘ soll ein Ort sein, dies möglich zu machen und Raum sowie Anerkennung für jede Identität schaffen. Denn Lesbisch-Sein ist für alle da. Fragwürdig ist das Wahl der Mittel um Sichtbarkeit für sich zu schaffen. Denn, Trans*freindlichkeit hat bei uns keinen Platz.

Für uns bedeutet Lesbisch-Sein Teil einer Bewegung zu sein, die für Selbstakzeptanz, Empowerment und Aktivismus gegen Heteronormativität, steht. Für uns bedeutet Lesbisch-Sein, miteinander solidarisch zu sein – und nicht, sich gegenseitig die Existenz, den Raum und die Legitimität zur Teilnahme an Diskussionen abzusprechen.

Vor diesem Hintergrund beziehen wir in der folgenden Stellungnahme eine deutliche Position gegenüber der diesjährigen Ausgestaltung des LFT. Die dort sichtbare Trans*feindlichkeit ist kein neues Phänomen, sondern wird bereits seit vielen Jahren im Kontext des LFT diskutiert und kritisiert. Wir hoffen – solidarisch miteinander – dass das Orgateam neuen Mut fassen und die Veranstaltung umgestalten kann. Wir werden weiter an einer gemeinsamen, starken und mutigen – lesbischen – Community arbeiten und freuen uns auf alle eure Impulse und Gedanken. Für einen weiteren Austausch zum LFT und vermeintlichen Gräben zwischen lesbischen und trans* Aktivismen wendet euch gerne an uns.

Euer Team des Queeren Zentrums Göttingen (Queeres Göttingen e.V.)

Vorstand und Hauptamtliche


Let’s talk about

Trans*feindlichkeit in queeren/homosexuellen Communities. Again.

Junge Lesben, die vor der „Genderideologie“ geschützt werden müssen, eine „exzessive Diskriminierungslogik des neuen Zeitgeistes“, die Heraufbeschwörung der „Auslöschung der Kategorie Frau im öffentlichen Rechtsverkehr“ durch „Glaubenssätze des „links“-liberalen Mainstreams“ – Nein, es ist nicht irgendein communityferner konservativer Kulturkampf, aus dem diese Formulierungen kommen. Es ist das diesjährige Veranstaltungsprogramm des LesbenFrühlingsTreffens, das bereits über Jahrzehnte lesbische und queere Bewegungen bedeutsam vernetzt, angestoßen und unterstützt (hat). Umso besorgter stimmt uns die Ausrichtung der diesjährigen Community-Veranstaltung..

Die Diskriminierung oder Einbeziehung von trans* Frauen auf dem LFT ist bereits seit vielen Jahren ein mehr oder weniger diskutiertes Thema und wurde 2019 in Köln unter dem Motto „Das L*FT schaut in die Sterne“ explizit ins Zentrum gerückt. Wir haben uns vor zwei Jahren über die Verwendung des Sternchens als nicht nur symbolische Öffnung sehr gefreut, wenngleich wir auch damals wieder Ausschlüsse von trans* Frauen aus bestimmten Veranstaltungen beklagen mussten. In diesem Jahr 2021 mit dem Motto „Rising to the Roots“ wurde nun aber ein Programm entwickelt, das explizit trans*feindliche Inhalte befördert. Ein Viertel der Veranstaltungspunkte zielt auf trans*feindliche Inhalte ab – die diskriminierende Abgrenzung ist somit zu einem Kernthema des gesamten Events geworden.

TERFs, trans*exkludierende „radikale“ Feministinnen, haben sich in der Orga des Treffens scheinbar deutlich durchgesetzt. Lesbischen Frauen, die trans* sind, wird jedoch nicht nur der Zugang verwehrt (bi+ und pansexuellen Frauen übrigens auch, same bullshit, different story): Transitionen, trans* Personen, die Idee, dass Geschlecht eventuell mehr Dimensionen haben könnte als die Genitalien, mit denen wir auf die Welt kommen – all das sind offenbar konkrete Bedrohungen, vor denen nicht nur Lesben, sondern Frauen im Allgemeinen geschützt werden müssen.

In Anbetracht der Tatsache, dass es sich hier nicht um eine Nischenveranstaltung mit geringer Reichweite handelt, werden wir nicht mit einem resignierten Kopfschütteln über diese allzu bekannte Form der Trans*feindlichkeit hinweggehen. Hier werden die gruseligsten Narrative benutzt, um falsche Behauptungen zu verbreiten, die die Pathologisierung von trans* und abinären Personen aufrechterhalten und befeuern. Eine Veranstaltung, zu deren Ankündigung allen Ernstes behauptet wird, lesbische Mädchen würden im großen Stil zu trans* Jungs „umerzogen“, um homosexuelles Begehren auszulöschen, ist nicht einfach lächerlich, sondern gefährlich, und darf auf keinen Fall unwidersprochen bleiben.

Wir sind froh, dass sich die Magnus-Hirschfeld-Stiftung als Geldgeberin des LFT mit deutlichen Worten von dessen Inhalt distanziert hat. Wir hoffen, dass die Hannchen-Mehrzweck-Stiftung als weitere Geldgeberin diesem Beispiel schnellstens folgt, und unterstützen die Aufrufe diverser Organisationen, die eine Umgestaltung oder Absage des diesjährigen LFT fordern.

Wir wollen aber auch all den vielen cis-Lesben, die sich unermüdlich und immer wieder klar gegen diese Strömungen innerhalb ihrer Communities stellen, danken. Sich gegen diese teilweise sehr lauten und manchmal die Wahrnehmung dominierenden Stimmen zu stellen, kann unendlich frustrierend sein. Lasst uns weiter solidarisch miteinander sein, aufeinander zugehen und weiter dafür arbeiten und kämpfen, die gruppenbezogenen Vorurteile innerhalb unserer Communities abzubauen und zu überwinden! Für eine starke lesbische und queere Community! Gemeinsam!